Leon Engler - Botanik des Wahnsinns

Das Buch habe ich schon länger auf der Liste gehabt. Da es den Titel nun als Taschenbuch für 14€ im Buchladen gab, hab ich das mitgenommen. Und was soll ich sagen? An zwei Tagen bin ich durch die Seiten gerauscht und bin oft ins Nachdenken abgerutscht. 

Der Protagonist erzählt seine Familiengeschichte bis hin zum Leben der Großeltern. Er ist Psychologe und macht im Grunde seinen eigenen Anamnese Bogen fertig. Es wabert eine beständige Angst vor dem verrückt werden durch die Seiten, da die psychischen Erkrankungen familiär so ausgeprägt sind. Manche Erinnerungen sind mit etwas Distanz aufgeschrieben, andere sind sehr nah dran und rühren von dem Willen her, etwas für die Nachwelt zu hinterlassen. Dabei reflektiert der Protagonist sein eigenes Verhalten oder Muster, stellt sich die ganz großen Fragen und versucht etwas Ordnung zu schaffen. Eine Ordnung wie es sie eben in der Botanik gibt. Stichwort Carl von Linné. Insgesamt ist das Botanik Thema sehr schön eingearbeitet. 

Da mich Psychologie, Botanik und gute Geschichten sehr interessieren, war dieses Buch ein Treffer. Es sind so viele schöne Sätze in diesem Buch, ich werde hier am Ende ein paar zeigen. Berührt haben mich aber die kleinen Nebensätze. Allgemein ist alles ehrlich, offen und mit einer Prise Humor ge- und beschrieben. Trotzdem waren es die kleinen Sätze, die mich jedes Mal getroffen haben. Man überliest sie fast aber sie bringen so viel Schwere und Traurigkeit mit sich, dass ich danach erstmal fünf Minuten aus dem Fenster schauen musste. In dieser Familiengeschichte sitzt soviel Schmerz und soviel Krankheit, dass es mir fast erholsam vorkam, wenn der Protagonist mit der Distanz eines Psychologen raufschaut und beschreibt. Zusem Verständnis da zeigt, wo es richtig schwer wird. 

Ich bin ehrlich, ich habe danach angefangen, mal wieder zu überlegen ob ich nicht mein Leben mal aufschreibe. Vieles fehlt, vieles ist so kaputt, dass es nicht mehr viel zu erzählen gibt und bei manchen Dingen, bin ich noch unentschlossen ob sie wirklich hervorgeholt werden sollten oder nicht. Das es geht und sich gut verpacken lässt, das hat Leon Engler mit seinem Buch auf 200 Seiten gezeigt. Beeindruckend. 

 

Markierte Stellen: 

"Auch zu zweit bleiben es Monologe." (S. 20)

"Normalität: Missionarsstellung. Kleinfamilie. Einskommadreikinder. Reihenhaus. Mittelklassewagen. Nüchternheit. Strandurlaub. Monogamie. Ein erträglicher Zustand der Verzweiflung, den man Glück nennt." (S. 29)

"Ich sage ihr, dass ich nicht bereit für eine Beziehung bin. Klingt besser als: Etwas in mir kann das Gute nicht aushalten." (S. 32) 

"Wie soll man leben? Mir fällt nichts ein außer: Tag um Tag." (S. 80) 

[Seine Chefin in der Psychatrie:] "Und häng die Latte nicht zu hoch. Das Ziel ist nicht, dass die Menschen glücklich werden. Das bin ich auch nicht." "Sondern?" "Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln." (S. 86)

"Alle hier geben ihr Bestes, aber es entsteht nichts Gutes. Ist das, was besser ist, schon gut genug?" (S. 97) 

"Ein anderes Leben fiel ihr nicht ein. Vielleicht fielen ihr auch zu viele mögliche Leben ein. Sie suchte das Glück oder die Wahrheit und zerbrach daran, dass sie weder das eine noch das andere fand." (S. 153) 

"Manchmal brechen Biografien wie Knochen, Herzen, Genicke. Reißen wie Geduld, Sehnen, Haut. Man spricht auch von Narben im Lebenslauf." (S. 183) 

"Zum Leben gehört mehr, als nicht zu sterben. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Ein halber Tod. Winterschlaf." (S. 187) 

"Denn Verrücktheit, das ist der gerissene Faden des Gedächtnisses. Wer nicht mehr erzählt, verschwindet. Hinausgeworfen aus dem Haus der Sprache. Zwangsgeräumt. [...] Das Lesen führt weg vom Leben." (S. 191)  


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