Marie-Sabine Roger - Wenn das Schicksal anklopft, mach auf

"Man kann die Welt nur mit seinen eigenen Augen sehen, aber man kann sich entscheiden, im Hässlichen das Schöne zu erkennen, im Grotesken das Erhabene, im Winzigen das Unermessliche. Nur das zu sehen, was uns stört, ist dem Glück gestohlene Zeit. Alles ist eine Frage des Blickwinkels." (S. 244) 

Die Autorin habe ich seit diesem Jahr auf dem Schirm und lese mich langsam aber sicher durch das Gesamtwerk. Ein weiterer Roman in meiner Sammlung (bisher schon zwei gelesen), der zwar etwas umfassender ist, mit 298 Seiten, aber am Inhalt nichts vermissen lässt. 

Es ist einfach eine schöne Geschichte. Fleur ist 76 Jahre alt, sehr übergewichtig und lebt mit ihrem Mops MyLord zusammen in einer geräumigen Wohnung. Mit vielen Medikamenten kämpft Fleur gegen eine Angststörung. Sie hängt im lokalen Supermarkt eine Anzeige auf, da sie einen Aufpasser für MyLord sucht, während sie zur Therapie geht. MyLord hatte einen Herzinfarkt und kann seitdem nicht mehr allein gelassen werden. Darauf meldet sich die mitte 20-jährige Harmonie. Sie hat Tourette, mit ausgeprägten Bewegungs- und Beleidigungstics. Bei ihrem ersten Treffen, bricht Fleur ihr aus Versehen den Arm und Harmonie bekommt den Job. 

Es entwickelt sich eine sehr schöne Freundschaft und man bekommt die Perspektive von Fleur und Harmonie in den jeweiligen Kapiteln. Im Verlauf der Geschichte kommen noch mehrere Charaktere hinzu und alles wird zu einem wunderbaren Chaos, mit viel Erkenntnissen und neuen Zielen. Ein feiner Humor durchzieht die verschiedenen Teile und ist dabei nicht abwertend oder beleidigend. Vielmehr begleitet man die Figuren auf ihrem Weg zu Erkenntnissen oder neuen Abenteuern. Kann dieses Buch sehr empfehlen, für ein, zwei gemütliche Nachmittage ist es eine optimale Couchbegleitung. 

"Unsere Manien unsere Marotten unsere Wahnvorstellungen unsere Ängste, was soll man mit alldem anfangen verdammte Scheiße? Ich meine, wie soll man mit alldem etwas wirklich Konstruktives anfangen? Wenn man vom Pferd fällt, steigt man sofort wieder auf. Aber wenn man aus seinem Leben fällt, wenn man eines Tages mit einer Behinderung aufwacht, mit einer Panikattacke einer scheußlichen Narbe einem oder zwei Gliedmaßen weniger einem schrecklichen Kummer dem Ende einer ewigen Liebe, was macht man dann? Man lebt weiter, das ist nicht das Problem. Leben ist etwas Mechanisches, es genügt zu atmen, zu trinken, zu essen. Was schlimm ist, was tötet, ist immer der Blick, der Blick, der einen schamlos anstarrt, der einen aus geheucheltem Feingefühl meidet, einem aber von weitem folgt. Der einen durchbohrt oder noch schlimmer, der einen nicht mehr sieht. Leben ist nicht das Problem. Das Zusammenleben ist es." (S. 241 f.) 


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