Yulia Marfutova - Eine Chance ist ein höchstens spatzengrosser Vogel

Was für ein absolutes Schmuckstück. Nicht nur das Cover sondern auch die Geschichte die da drinsteckt. Bin komplett schockverliebt. Ich weiß leider nicht mehr genau, wo ich den Tipp aufgeschnappt habe aber es war auf meinem Merkzettel und wurde bei der letzten Second Hand Bestellung mit gekauft.

Auf 141 Seiten wird hier eine jüdisch-russische Familiengeschichte erzählt. Von Mäusen. Ja, ganz genau, von Mäusen die eine Chronik vorliegen haben  und die gesammelten Infos an die drei Töchter (Menschen) weitergeben. Manches lückenhaft, manches sogar dazugedichtet und ausgeschmückt.
 
Hauptpersonen sind Marina (die Mutter der drei jungen Mädchen, die den Mäusen zuhören) und Nina, ihre Mutter (die Oma der drei). Nina wird nachgesagt, dass sie durch Teeblätterlesen und ihre Träume, die Zukunft sehen kann. Ihr Traum von einem Koffer zieht sich von Anfang bis Ende. Wohnhaft in Moskau kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion. Marina unternimmt viel mit Vera, sie ist ein paar Jahre älter und wohnt im gleichen Haus. Die Mutter von Vera ist Lena und ihr Vater ist Lew, wird aber meist nur Lampe genannt, da er bewegungslos in einem Bett in der Wohnung liegt. NEs gibt immer wieder historische Einschübe, zum Beispiel der Holodomor, die Judenverfolgung, falsche Transkriptionen der Namen oder die Nazi Verbrechen im zweiten Weltkrieg. Die drei Mädchen, versuchen die Lücken in der Familiengeschichte durch die Chronik der Mäuse mit Infos zu füllen. 
 
In diesem kleinen Buch sitzt soviel und es ist so gut ausgearbeitet. Einfach zum niederknien! Da die Eltern nicht viel erzählen, die Großeltern bereits verstorben sind, ist niemand da, der die Familiengeschichte erzählt beziehungsweise weitergibt. Ich glaube, das hat jede Familie, dass sich bestimmte Fäden einfach nicht mehr zusammenführen lassen. In diesem speziellen Fall ist es eben so, dass die Familie von Marina soviel erlebt hat, dass einige historische Verknüpfungen oder Personen nicht mehr auffindbar sind. Dieses Thema zieht sich allgemein durch die Erzählung. Bei den drei Mädchen weiß man: 17 Jahre, 16 Jahre und 10 Jahre alt. Die jüngste heißt Anna, die mittlere heißt Emma und wie die älteste heißt, wird nicht gesagt. Es fehlt und das mit voller Absicht. Durch die Mäuse, die die Chronik übernehmen, nimmt es meiner Meinung nach, etwas Märchenhafte Züge an. Was mir sowieso liegt, daher hatte ich kein Problem damit. Märchen und Legenden werden in jedem Familienkonstrukt auftauchen, ob nun mit Absicht weitererzählt oder auf Grund fehlendem Wissen erfunden. Ich habe heute knappe zwei Stunden auf der Couch gesessen und konnte das Buch nicht weglegen. Das ist ein Roman, wie ich ihn haben will. Lauter Infos kommen völlig willkürlich in Nebensätzen dazu und selbst mir sind diese aufgefallen. Ich könnte da noch soviel tiefer einsteigen aber gerade bin ich nur selig, diesen Roman gefunden und gelesen zu haben. In dieser Geschichte liegt ein Zauber, für den auch der Schreibstil sowie Aufbau sorgt, dem ich mich nicht entziehen kann. Das Buch wird wohl in den Top 5 Büchern 2026 bei mir landen. 
 
"Wie gesagt: der Gedanke. Schon bemerkenswert, dass etwas zählt, was rein gar nichts ändert." (S. 117) 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Doris Dörrie - Liebe, Schmerz und das ganze verdammte Zeug

Tijan Sila - Die Fahne der Wünsche

Michael Thumann - Revanche (+ Podcast Tipp)