Stefan Aust - Der Baader Meinhof Komplex

Die RAF (Rote Armee Fraktion) war immer so ein Ding, hat man mal gehört. Entführungen, Bankraub, Mord, radikale Linke die in den Untergrund gegangen sind etc. pp. Von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin hatte ich entfernt auch mal gehört. Es war immer ein dunkler Fleck in meinem Allgemeinwissen. Durch Zufall habe ich dann im lokalen Bücherschrank das Standardwerk schlechthin gefunden. Da es 966 Seiten hat, war das Buch hier ein paar Monate gestapelt. Die vergangene Woche habe ich mich rangesetzt und mir alles reingefahren. 

Eine Inhaltsangabe kann ich beim besten Willen hier nicht liefern. Soviele Informationen, soviele Querverweise und Verbindungen - es ist schlichtweg einfach zuviel um das hier runterzutippen. Der Autor hat das Buch ziemlich gut aufgebaut und Struktur gegeben. Er startet mit den Selbstmorden im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nehmen sich das Leben, nachdem die Erpressung der Regierung durch die 2. Generation der RAF nicht funktioniert hat. Bei Irmgard Möller blieb es beim Versuch und sie ist damit die einzige, die die Todesnacht am 18. Oktober 1977 in Stammheim überlebt hat. Darauf wird später dann näher eingegangen. Die Anfänge der drei Hauptpersonen und dem Rest des Hauptkaders wird sehr gut nachgezeichnet, wie die Radikalisierung begann und wie das Leben im Untergrund von statten ging. Es kommen halt Jahre später immer noch Informationen zu so vielen Dingen heraus. Es macht mich komplett fertig. 

Nachdem der Student Benno Ohnesorg im Jahr 1967 bei einer Demo erschossen wurde, waren sich viele einig, es muss nun was passieren. Ein Punkt in der Geschichte, wo die richtige Radikalisierung losging. Gegen den Vietnamkrieg, gegen den Imperialismus, gegen die USA und gegen eine westdeutsche Regierung die das alles nicht ernst nimmt. Vor einigen Jahren kam dann raus, dass der Polizist, der Benno erschossen hat, bei der Stasi gearbeitet hat. Durch Zufall wurden Unterlagen gefunden und konnten dem Polizisten Karl Heinz Kurras zugeordnet werden. Die Regierung und der Staatssicherheitsdienst der DDR wussten sowieso ziemlich gut Bescheid. Vielen RAF Leuten der 2. und 3. Generation, sowie Aussteigern, wurde bis zur Wiedervereinigung ein ganz normales Leben ermöglicht. 

Die Verbindung zur palästinensischen Befreiungsfront waren sehr eng. Es wurden mehrere Trainingscamps besucht, damit der Umgang mit Waffen und Sprengstoff von allen gelernt wird. Die Entführung der Lufthansa "Landshut" Maschine, wurde auch in Zusammenarbeit mit den Kämpfern durchgeführt. Da ist soviel Struktur und Aufbau im Hintergrund passiert, ich saß staunend davor. Möchte aber hier betonen, dass ich die Gewalt, die die RAF genutzt hat, komplett ablehne. Entführungen und Morde können in keinem Kontext gutgeheißen werden. 

Gerade wenn es um die Verhaftungen und den Prozess gegen den harten Kern der RAF geht, wurde mir zeitweise ziemlich flau im Magen. Zum einen die Presse, die bei Verhaftungen gerne mal forderte, den Frauen die Haare aus dem Gesicht zu nehmen (was die Polizisten gern gemacht haben) und zum anderen die Lauschangriffe durch Verfassungsschutz, Landeskriminalamt und BND. Im Zuge der Aufarbeitung, kamen komplett neue Behörden zum Vorschein, von denen niemand vorher etwas wusste. Eine extra Fernmeldetechnik Einheit vom Bundesgrenzsschutz zum Beispiel. Gesetze wurden teilweise innerhalb von einer Woche durchgewunken, damit der Staat nicht noch schlechter da steht, denn es wurden auch Gespräche zwischen den Angeklagten und deren Anwälten abgehört. Die einzelnen Zellen und Flure des Gefängnis in Stammheim ebenfalls. 

Da sitzt man vor diesem Buch und denkt sich - So blöd könnt ihr doch nicht wirklich sein? Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe sowie die später mit dazu verlegten Gefangenen aus dem Kreis der RAF, hatten Waffen in ihren Zellen. Lauter Elektronik Kram mit dem eine interne Kommunikation zwischen den Zellen möglich war, es wurde Haschisch gefunden, Kameras, alle hatten um die 400 Bücher in ihren Zellen (teilweise Handbücher für Elektronik) und am Ende standen Gefängnisleitung und LKA davor und wussten/ahnten natürlich von absolut gar nichts. Ein extra Techniker vom BND wurde zwischenzeitlich dazugeholt um Radios etc. auf Modifizierungen zu prüfen, das Ergebnis: Alles tutti. Wahrscheinlich hätte ich sogar gesehen, dass am Gerät gepfuscht worden ist. Aber nun gut. Viele Sachverhalte sind bis heute ungeklärt und es fühlte sich niemand zuständig diesen vernünftig nachzugehen. Daher auch der ganze Mythos der sich um die 1. Generation der RAF gebildet hat. Dazu muss ich sagen, dass ich Andreas Baader und Gudrun Ensslin für komplett gestört halte. Die haben so arg eine Psychose geschoben (auch vor der Islationshaft schon) und waren von ihrem teilweisen wirren Gebrabbel komplett überzeugt. Zudem waren sie in der Lage andere ebenfalls zu überzeugen und an sich zu binden. 

Ulrike Meinhof. Ich bin ehrlich, die Frau lässt mich nicht los. Im Gefängnis zerstritt sie sich immer mehr, vor allem mit Gudrun, so dass sie ausgeschlossen und gemobbt worden ist. Sie kam überhaupt nicht mehr zurecht und hat sich am 09. Mai 1976 in ihrer Zelle am Fenster erhängt. Ich werde aus ihr einfach nicht schlau. Damit will ich in keinster Weise ihre Rolle kleinreden oder ihre Taten relativieren. Sie war mit einer Köpfe der RAF, hat sämtliche Bekennerschreiben oder Flugblätter verfasst und obwohl es sich nicht beweisen lässt, deuten die Indizien darauf hin, dass sie das Bombenattentat auf den Springer Verlag in Hamburg (19. Mai 1972, bei dem drei Rohrbomben explodiert sind) initiiert und organisiert hat. Dabei wurden 17 Personen verletzt. Baader und Ensslin haben sich davon distanziert, da sie "lediglich" Anschläge auf amerikanische Einrichtungen getätigt haben und nicht auf Zivilisten. Stefan Aust, der Autor vom Buch, kannte Ulrike persönlich. Die beiden haben zusammen beim Magazin kompakt gearbeitet, bevor sie dann in den Untergrund ging. Er hat auch dafür gesorgt, dass ihre beiden Töchter zurück zum Vater gekommen sind, nachdem sie komplett abgetaucht ist. Ist Ulrike der Idee oder Andreas Baader verfallen? Ich weiß es nicht.  

Die 2. Generation der RAF auch komplett vogelwild. Ihr Ziel war es den Hauptkader aus dem Knast zu holen. Daher all die Entführungen (Hanns Martin Schleyer, der nach 44 Tagen erschossen wurde) um die westdeutsche Regierung zu erpressen. Da lief staatstechnisch auch nochmal soviel verkehrt, meine Güte. Einige Personen werden aus der 2. Riege näher betrachtet aber allzu viel zum drumherum gibt es dann nicht mehr. 

Das Buch endet im Grunde genommen, mit den Ermittlungen nach dem Suizid des Hauptkaders der RAF und deren Beerdigungen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe.  

Ich habe immer noch soviele Fragen, soviele Gedanken im Kopf. Diese ganze Geschichte einmal komplett zu lesen... es ist wahnsinnig spannend, interessant, gleichzeitig auch belastend. Zudem der Hinweis: Im Buch sind die Fotos der Toten allesamt drin. Das Todesfoto der Gudrun Ensslin in ihrer Zelle, wird mich wohl noch länger begleiten. Das ist wirklich nicht ohne. Und noch etwas, dass ich hier mitnehmen konnte aus dem ganzen Komplex: Die linken Gruppierungen waren damals alle schon zersplittert. Einen richtigen Konsens hat man da schon nicht gefunden. (Es gab immer mal Kontakt zwischen der RAF und der Bewegung 2. Juni aber eine Zusammenarbeit hat es da nicht gegeben.) Some things never change. 

Viel Text hier, vieles vielleicht auch unsortiert aber das muss eben irgendwo hin. Und wenn nicht auf meinen Blog, wo sonst. Spannendes Stück Geschichte.  



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