Marie-Sabine Roger - Der Poet der kleinen Dinge
Was ein Buch! Habe es vor einiger Zeit aus dem lokalen Bücherschrank gezogen. Manchmal habe ich ein sehr glückliches Händchen. Unscheinbar, ein bisschen abgegriffelt aber geschrieben von einer Autorin und der Klappentext klang ganz nett.
Das mich die Geschichte in einer Kleinstadt in Frankreich dann so mitnimmt, hätte ich nicht erwartet. Ein Schreibstil der mich sofort reingezogen hat: klar, kurz, ausdrucksstark und ohne kitschig zu sein. Das alles so runterzubrechen, finde ich sehr beeindruckend. Das werde ich niemals hinkommen, denn dafür schweife ich zu gerne ab. Beim lesen macht die Kürze es aber sehr viel einfacher. Die 239 Seiten habe ich in nicht mal fünf Stunden durchgelesen. Die Geschichte ist vom Anfang bis zum Ende schlüssig und ziemlich gut aufgezogen. Es fehlt nichts und zuviel war es eben auch nicht. Die Autorin hat hier so ein gutes komplaktes Buch vorgelegt, es ist zum niederknien.
Alex ist 30 Jahre alt und zieht durch Frankreich. Arbeitet in Gelegenheitsjobs und hat nun einen auf einer Hühnerfarm gefunden. Sie mietet sich bei Marlene und Bertrand ein, da sie nur einen Vertrag auf Zeit hat. Da reicht ein Zimmer. Das Ehepaar wohnt zusammen mit Gérard zusammen. Der körperlich und geistig behinderte Bruder von Bertrand. (Alex nennt ihn Roswell, da sie erst glaubt einen Außeriridischen zu sehen.) Marlene hasst ihn und plant immer wieder ihn auszusetzen, damit sie irgendwann zumindest die Chance hat, mit ihrem Mann in einen Urlaub zu fahren. Das Leben in diesem Haus ist die Verdeutlichung einer Trostlosigkeit, die sich nur schwer aushalten lässt. Vor allem da sie eben mit völliger Empathielosigkeit einhergeht.
Diese Trostlosigkeit findet sich in der gesamten Stadt wieder. Denn weitere Rollen werden von Cédric und Olivier, genannt Zackenbarsch, eingenommen. Die beiden stehen beziehungsweise sitzen jeden Tag unter einer Brücke am Kanal. Cédric ist in Gedanken vertieft. Er ist 28 Jahre alt und steht nun nach vier Jahren Beziehung alleine da. Seine Ex-Freundin schwanger von einem anderen Typen. Er musste wieder zu Hause bei seinen Eltern einziehen, da er keinen Job findet. Olivier hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Bierdosen eine Insel im Kanal zu bauen, in dem er seine Bierdosen leertrinkt, mit Wasser füllt und dann in den Kanal feuert. Sehr zielgenau. Viel anderes macht Olivier nicht, er hilft im Laden von seinen Eltern mit, den er aber gar nicht übernehmen will. Viel Konversation findet zwischen den beiden nicht statt. Die moderne Tristesse hat bei den beiden angeklopft und sich eingenistet.
Durch Alex, sprich von Außen, zieht aber ein wenig Farbe, in Form von Empathie, in die Stadt. Gérard wird ein Begleiter beim spazieren gehen und sie freundet sich mit ihm an. Vor allem ist er in der Lage sich einigermaßen zu verständigen. Er rezitiert Gedichte und trotz seiner teilweise unkontrollierbaren Bewegungen und Ausbrüchen ist er einer der wenigen gutherzigen Menschen in dieser Stadt. Gérard liebt das Leben. Allen die gesund sind, geistig und körperlich, fällt genau das eben sehr schwer. Am Kanal treffen sie auf Olivier und Cédric. Durch einen schweren Überfall auf Alex, bei dem die beiden Männer ihr zur Hilfe kommen, beginnt die Freundschaft zwischen allen zu wachsen. Mit ein bisschen mehr Zuversicht gibt es sogar noch einen Road Trip am Ende. Sogar einen Urlaub für Marlene und Bertrand.
Wichtig dabei ist, es ist nicht kitschtig. Es schwimmt immer eine Nuance von Mitleid, Angst und Hoffnung mit. Die Charaktere sind so schön ausgearbeitet, da geht mir einfach das Herz auf. Manchmal ist es aber sehr belastend. Gerade der Umgang von Marlene mit Gérard. Da bricht das Herz dann eher. Die letzten Seiten hatte ich noch kurz Angst um meine Protagonisten. Diese Angst hat sich aber nicht bestätigt.
Ich bin immer noch schwer beeindruckt und kann diese Geschichte nur allen ans Herz legen.
Hier noch zwei Zitate an den ich hängen geblieben bin:
"Wie viele Menschen abonnieren aus Versehen das Unglück und kündigen dann nie mehr?" (S. 120)
"Morgen fange ich an zu leben. Immer morgen, morgen, nur nicht heute ..." (S. 152)
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