Annemarie Paulsen - Alles büddn wild

Eine echte Bäuerin über Landwirtschaft, Tradition und Tüddelband

Das Landleben. Oft verklärt zu einem kitschigen Bild, dass sich Stadtmenschen zurecht legen oder welches in TV Formaten gezeichnet wird. Im Gegensatz dazu stehen dann die älteren Generationen von Familienbetrieben, die noch anpacken und mit der verweichlichten Jugend nichts mehr anfangen können. Körperliche Arbeit, Bürokratie und alles für den Hof. Zwei Extreme die sich da gegenüberstehen. Genau dazwischen: Annemarie, die mit ihrem Mann Martin zusammen den Hof seiner Eltern in der Uckermark übernommen haben. 

Es geht nicht nur um den Milchviehbetrieb. Dieser wurde auf Bio umgestellt und hat mittlerweile einen Melkroboter im Stall. Eine Modernisierung die langsam aber sicher Einzug erhält und vor allem muss. Betriebswirtschaftlichkeit und Engagement geben sich auf dem Hof die Klinke in die Hand. In diesem Buch geht es viel um das Landleben an sich. Um Gemeinschaft, Familie, Landwirtschaft allgemein und vor allem den Wandel, der nötig ist und sich bereits einschleicht. Der schmale Grat zwischen Tradition und dem Vorankommen. Seien es Vereine oder das Aufweichen der klassischen Rollenverteilung. 

Annemarie geht mit ihrem, von Instagram bekannten, Humor an viele Dinge ran. Deshalb konnte ich dieses Buch an einem Sonntag auf der Couch gemütlich weglesen. Was ich aber besonders an ihr und an diesem Buch mag, ist, dass sie mit Bedacht und sehr behutsam an Themen rangeht. Ehrlich, ja. Polternd, nein. Sie erklärt sich wahnsinnig gut und macht ihren Standpunkt sehr klar. Sieht andere Perspektiven und bezieht diese dann mit ein. Ein Beispiel bei dem ich direkt dachte: Ohja! Ist die althergebrachte Tradition: Kranz binden. Das kenne ich noch aus meiner Kindheit auf dem Dorf. Zu Hochzeiten oder Jubiläen, hat sich die weibliche Nachbarschaft getroffen und einen riesigen Türkranz + Papierblumen gebunden. Es gab Kuchen und Liköre oder Schnaps. So richtig Bock hatte aber niemand. Die Brautleute hatten so kurz vor der Hochzeit eigentlich Besseres zu tun, als die Nachbarschaft zu bewirten, während ein Kranz an die Haustür gehängt wird. Das sind so Traditionen, die schleichen sich langsam aus. Einen klassischen Hochzeitskranz habe ich schon sehr lange nicht mehr gesehen. Einen Socken- oder Schachtelkranz begegnet mir zwischendurch noch aber allgemein wird das weniger. Ist es schade drum? Irgendwie nicht. Denn sie können ja durch andere, schönere Aktivitäten, an denen alle mehr Spaß haben ersetzt werden. Annemarie hat zum Beispiel darauf hingewiesen, dass dieses Kranzgedöns von Polterabenden abgelöst worden ist. Das ist doch vollkommen okay. 

Ein Beispiel von ihr, mit dem ich auch Berührungspunkte hatte, ist der Verein der Landfrauen. Wenn man drin ist und seinen Platz gefunden hat, bestimmt eine gute Sache. Das Problem fängt da an, wenn die starren Regeln und Hierarchien ein Ankommen für Neuzugänge so gut wie unmöglich machen. Der Ruf nach der guten alten Zeit und was die Landfrauen nicht alles gemacht haben damals, diesen Zusammenhalt würde es heute gar nicht mehr geben... etc. pp., das durfte ich mir auch schon anhören. Das stimmt oft, nur die Frage nach dem Warum wird so gut wie gar nicht gestellt. Denn wie sollen junge Frauen, die vielleicht sogar gerade erst aufs Dorf/Land gezogen sind, neben Arbeit, eventuell Kinder, Ehe, noch zusätzlich einen Platz bei den Landfrauen erkämpfen. Das sind teilweise so festgefahrene Strukturen, die oft keinen Raum bieten, für mehr Flexibilität oder für Neues. Wenn man Anschluss findet, sei es im Dorf oder Verein, ist das absolut super. Es macht das Leben soviel einfacher und dann verstehe ich dieses manchmal kitschige Gerede vom Landleben. Denn genau das ist es dann. Wenn man diesen Anschluss aber nicht findet, kann es die Hölle werden. Und das gehört eben genau mit zu all den Gleichzeitigkeiten die das Landleben angeht. Ich selber habe zwar nicht auf einem Hof gelebt, bin aber in einem kleinen Dorf groß geworden. Ein Zurück aufs Land könnte ich mir schon vorstellen, schon der Platz und mein Wunsch nach einem Garten spricht dafür. Allein würde ich das niemals angehen. Mal schauen was die Zukunft bringt. Zurück in mein Dorf, in dem ich aufgewachsen bin? Niemals. 

Ich mag Annemarie und ihre Art gerne. Ihren Humor, ihre Herangehensweise an Themen und ihren Enthusiasmus. Dieses Buch ist all das. Sie musste sich ihren Platz erkämpfen und konnte sich durchsetzen. Sie hat die Welt gesehen und ist dann doch wieder zum Kühe melken zurückgekehrt. Ich glaube, Annemarie hat ihren Platz gefunden und das freut mich über alle Maße für sie. Einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Nutztierhaltung zu führen, die eigene Familie, die Schwiegereltern, Angestellte, Influencerin und noch soviel mehr, alles gleichzeitig zu managen, ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut vor dieser Frau. Das Buch ist ein richtig schöner und realistischer Einblick in die moderne Landwirtschaft. Mit allen Tücken und Schönheiten. 

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