Vigdis Hjorth - Die Wahrheiten meiner Mutter
Das ist mal schwere Kost. Puh.
Den Buchtitel habe ich vor einiger Zeit auf Instagram in einer Story von Annemarie Paulsen (Instagram Profil) aufgeschnappt. Sie hatte es gelesen und für gut befunden. Aber schwierig, schwere Kost eben. Das Thema nicht das einfachste. Hatte es mir dann auf die Liste gepackt, denn abseits von Krimis oder Klassikern, fehlte mir seit längerem mal wieder was aus Skandinavien. Mein Skandinavistik Studium schimmert da doch immer noch ein bisschen durch. Die Autorin ist Norwegerin und war mir vom Namen her bekannt, gelesen hatte ich noch nichts.
Kurze Zusammenfassung des Inhalts: Völlig zerrüttete Beziehung zwischen Tochter und Mutter.
Etwas umfassendere Zusammenfassung:
Johanna ist in Norwegen groß geworden, hat eine Schwester, Ruth, und beide Elternteile. Vater, vermögend, sehr konservativ und ihre Mutter, streng, angepasst und unglücklich. Mit Mitte 20 bricht Johanna aus und flieht vor ihrem Ehemann und dem Jurastudium. Sie folgt dem Kunstlehrer in die USA, heiratet ihn und bekommt einen Sohn. Zudem wird sie sehr erfolgreich mit ihren gemalten Bildern, die unter anderem in ihrer Heimatstadt in Norwegen ausgestellt werden. Da kommt es dann zum ersten richtigen Bruch mit dem Rest der Familie. Als ihr Vater stirbt und sie sich dazu entscheidet, nicht zur Beerdigung nach Norwegen zurückzukehren, folgt Stille. Vorher gab es zumindest noch minimalen Kontakt zur Schwester, da diese wichtige Informationen via SMS gesendet hat. Mit Mitte 50 entscheidet sich Johanna, nach Norwegen zurückzukehren. Vorgeschoben ist eine Ausstellung, letztendlich geht sie aber ihrer Beziehung zur Mutter nach. Zum einen in der Stadt in der die Mutter lediglich 20 Minuten entfernt wohnt. Zum anderen in einer Hütte im Wald, die zur Ablenkung und einem tiefen Nachdenken bestimmt ist. Johanna hat das Gefühl, mit dem Kapitel Mutter in irgendeiner Form abschließen zu müssen. Sie übernimmt das Denken für sie, nimmt verschiedene Perspektiven ein, ordnet Kindheitserlebnisse neu ein und versucht an dem Punkt anzuknüpfen, wo es zu Ende war.
Diesen Kampf um einen Abschluss hat die Autorin ziemlich gut dargestellt. Ich habe mich zwischendurch immer wieder gefragt, worauf es hinausläuft. Das war bis vor den letzten 20 Seiten einfach nicht klar. Wird es ein Treffen geben oder nicht? Bis dahin war ich aber dezent irritiert von dem Drang der hinters Johanna Verlangen saß. Sie hat ihre Mutter komplett ausgekundschaftet, ist ihr hinterhergelaufen, hat sich in Büschen versteckt und sogar eine Tüte Müll geklaut. Das ist mir zwar immer noch alles ein bisschen doll aber im Verlauf merkt man, woher das kommt. Johanna kennt nämlich zwei Versionen ihrer Mutter und hat den Wandel miterlebt. Von der noch träumenden Mutter, die eigene Pläne und Vorstellungen vom Leben hat zu der angepassten, strengen und ihrem Ehemann ergebenen Mutter, die ihrem Kind die Schuld am Verlust des früheren Lebens mitgegeben hat. Die all ihren Schmerz auf ihre Tochter projeziert und ihre neu erfundene Macht (innerhalb fester Strukturen und dem aufgeben des Selbst) an ihr ausgelebt hat.
Spannende Dynamik, manchmal etwas verkopft aber es liest sich trotzdem sehr gut runter. Kann es daher durchaus empfehlen.
"Wir alle teilen das Menschsein, wir alle teilen seine Bedingungen. Wir alle sind verloren in einer Existenz, die keinen Sinn und keine Bedeutung hat, egal, wie viel Mühe wir uns geben, wir entgehen nie der Unsicherheit, den drohenden Gefahren, den Krankheiten, die kommen werden, den Verlusten und der Trauer, die auf uns wartet, dem verlorenen Kind, dem Bruder oder der Schwester, der Vergangenheit, die plötzlich zurückkehrt und an die Tür klopft." (S. 297)
"Marguerite Duras schreibt irgendwo, dass jede Mutter in jeder Kindheit den Wahnsinn darstellt. Dass die Mutter der seltsamste Mensch ist und bleibt, dem wir jemals begegnet sind, ich glaube, sie hat recht. Viele sagen, wenn sie über ihre Mütter reden: Mutter war verrückt, ich meine das im Ernst: verrückt. Wenn man sich an die Mütter erinnert, lacht man viel, und das ist witzig." (S. 363)
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