Nila - Auf den Strassen Teherans

Dieses ziemlich frisch veröffentlichte Buch hat mich im lokalen Buchladen direkt angeschaut. Daher habe ich es mitgenommen. 

127 Seiten Text einer Autorin die in Teheran lebt und deshalb anonym bleiben muss. Am Ende noch eine Zeittafel über die 2022 startende Protestbewegung Frau, Leben, Freiheit. Es ist die immer noch laufende Revolution, die den Menschen im Iran alles abverlangt und doch gegen das Regime vereint. Im Januar 2026 gab es erneut riesige Demonstrationen. Das Regime reagiert brutal. Man spricht von 20.000 bis 60.000 getöteten Menschen (im gesamten Iran), die für ihr Recht auf ein Leben in Freiheit und gegen das Regime auf die Straße gegangen sind. Die Währung im freien Fall, die Wirtschaft am Boden, Hinrichtungen, überfüllte Gefängnisse und der Wunsch nach Veränderung vereint die Menschen im Iran seit dem September 2022 immer wieder zu großen Protesten und Demonstrationen. Der Widerstand zeigt sich in Massenprotesten, in Streiks und in den kleinen alltäglichen Formen des Widerstands. Seien es Graffitis, gemeinsame Spaziergänge, Frauen tragen ihre Hijabs nicht mehr und den Mullahs werden die Turbane vom Kopf geschlagen. Ich kann meine Bewunderung für all die mutigen Menschen im Iran nicht mal im Ansatz in Worte fassen. 

Die Autorin schafft es in ihrem Text ein Gefühl zu vermitteln. Einen Eindruck davon, wie es ist, auf den Straßen Teherans zu laufen, zu leben und zu erleben, was mit den Menschen geschieht. Für Leute die nicht soviel von den Protesten mitbekommen haben, ist dieses kurze Buch wirklich sehr gut geeignet. Denn es zeigt den Weg in die aktuelle Situation. Woher die Brutalität kommt, das Misstrauen der älteren Generation, wie das Regime an die Macht kommt, die Ohnmacht im Angesicht der systematischen Brutalität und dem Gefühl Teil von etwas Größerem zu sein, für das es sich lohnt sein eigenes Leben jeden Tag zu riskieren. Dieses Buch ist so ein wichtiges und Zeugnis, ich kann es gar nicht genug betonen. Vor allem wird die Rolle der Frauen betrachtet. Geschichtlich und aktuell. Ich habe beim lesen heute Tränen der Bewunderung und Tränen des Schmerzes vergossen. Falls ihr Bekannte, Freunde oder Arbeitskolleg*innen kennt, die aus dem Iran kommen, iranische Wurzeln haben oder noch Familie und Freunde im Iran haben - fragt sie wie es ihnen geht. Fragt wie es ihren Angehörigen geht, haben alle den Januar überstanden? Hört zu. Spart euch Floskeln und schenkt ihnen eure volle Aufmerksamkeit. Und wenn ihr gar keine Ahnung habt, was da seit 2022 passiert, dann lest dieses Buch. 

 "Jedes Mal, wenn mich die Nachricht erreicht, dass ein:e Demonstrant:in ermordet oder hingerichtet wurde, stelle ich mir wieder einmal die Frage: Was geschieht mit den Träumen dieser Person? Mit den Momenten in ihrem Leben, in denen sie etwas begehrte, sich mehr wünschte. Die Tränen, das Bedauern, die Sehnsüchte. Was geschieht mit alldem? Wohin verschwindet das alles? Diese Frage schreien wir seit September 2022 zum ersten Mal direkt ins Gesicht der Geschichte." (S. 66)  



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Michael Thumann - Revanche (+ Podcast Tipp)

Brigitte Doppagne - Clara

Rita Kuczynski - Mauerblume