Matthias Nawrat - Der traurige Gast

Mit diesem Buch habe ich etwas gekämpft. Das kam ein bisschen unerwartet, denn eigentlich mag ich den Autor sehr und habe schon zwei Bücher von ihm gelesen, die mir gut gefallen haben. Vielleicht lag es daran, dass meine Woche so voll war oder waren es doch die teilweise sehr langatmigen Monologe der „Gäste“? Ich bin mir nicht sicher. Für 299 Seiten brauche ich normalerweise keine ganze Woche. 

Der Autor nimmt die Lesenden mit auf eine mehrmonatige Tour durch sein Leben. Als erstes trifft er durch puren Zufall eine polnische Architektin. Eigentlich wollte er ein paar Tipps um die eigene Wohnung, die er mit seiner Frau teilt, ein bisschen umzugestalten. Nichts Großes. Er geht aber trotzdem in unregelmäßigen Abständen zur Architektin auf Besuch. Währenddessen erzählt sie ihre Geschichte, Anekdoten und so viel mehr, dass es selbst beim lesen teilweise unangenehm wird. Die beiden kennen sich eben überhaupt gar nicht. Sie erzählt, er hört zu und ich sitz als dritte Person mit am Tisch und habe keine Ahnung was ich mit all diesen Informationen anfangen soll. Das Ende vom 1. Teil kam unerwartet und ich habe es nicht kommen sehen. 

Der 2. Teil handelt über die Stadt - hier Berlin. Es sind einige kürzere Kapitel über den Alltag, Nachbarn und dem Anschlag vom Breitscheidplatz. Erinnert ihr euch? Dezember 2016, der LKW der in den Weihnachtsmarkt gerast ist. Das nimmt nicht sehr viel Raum im Buch ein, ist aber doch sehr eindrücklich beschrieben, wie der Autor sich als unbeteiligte Person fühlt und was sich danach ändert. 

Der 3. Teil wird dann etwas wilder. Matthias nimmt einen Job in einer Tankstelle an. Dort lernt er Dariusz kennen. Er kommt gebürtig aus Polen, hat als Arzt gearbeitet, Alkohol- und Medikamtensucht, eine unglückliche Ehe, einen Sohn der in Brasilien stirbt und einiges mehr. Das war mir teilweise wirklich zu doll alles. Denn Matthias und Dariusz kennen sich von der Arbeit. Sie verstehen sich ganz gut aber als die beiden sich bei Dariusz zu Hause treffen, nutzt dieser die Gelegenheit (Matthias wollte sich erkundigen ob es ihm gut, da er nicht auf der Arbeit aufgetaucht ist) und erzählt sein komplettes Leben. Das ist so ausufernd, so traurig, so persönlich. Zum einen gut, dass er es loswerden konnte, zum anderen einfach viel zu doll in diesem Szenario. Dariusz setzt auch zu sehr langen Monologen an, was teilweise wirklich anstrengend zu lesen ist. Ich verstehe warum das alles so aufgebaut ist und warum es genau so sein muss, trotzdem hat mich das richtig Mühe gekostet. 

Es ist kein schlechtes Buch, man muss sich nur die Zeit nehmen und diese eben in das Nachdenken parken, wenn das Buch an die Seite gelegt worden ist. Dann wird ein Schuh draus. Zwischendurch blitzt auch die Fähigkeit vom Autor durch, Dinge so unterzubringen, dass man zwei Seiten später da sitzt und denkt: "Moment, hat sie/er das nicht vorhin in einem Nebensatz erwähnt?". Kann man machen, braucht aber eben Zeit. 


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